Die Angela-Merkel-Ich-AG

Hamburger Abendblatt
von Maike Schiller

Antonia von Romatowski 2006

Die Hamburgerin Antonia von Romatowski ist die Stimme der Kanzlerin und imitiert auch andere.

Es gibt diese Sorte TV-Thriller, in denen jemand derart besessen von einer Person ist, dass er ihr in einem Hinterzimmer eine Art Schrein einrichtet. Wenn die Ermittler im Laufe des Films irgendwann auf die Idee kommen, die entsprechende Wohnung zu durchsuchen, finden sie dort Dutzende Fotos oder Zeitungsschnipsel an den Wänden, die der Besessene in liebevoller Bastelarbeit zusammengetragen und zur Collage verarbeitet hat. So ähnlich ist es auch bei Antonia von Romatowski.

Wer die Hamburger Schauspielerin in ihrer Pöseldorfer Altbauwohnung besucht, dem gehen beim Betreten des Wohnzimmers die Augen über: Angela Merkel, Doris Schröder-Köpf, Verona Pooth, Naddel – eine halbe Wandseite ist über und über mit Zeitungsausrissen, Fotografien und ausgeschnittenen”Bild”-Schlagzeilen tapeziert. “Merkel holt die Keule raus”, “Doris’ bittere Tränen”, “Gemeinsam sind sie stark”. Dazwischen baumelt eine Merkel-Handpuppe, selbst gebastelt aus Stoff und einem Kochlöffel, ein STückchen weiter hängt die Kanzlerin im Engelsgewand. Zieht man an der Schnur unter dem Kleid, bewegt sie ihre Gliedmaßen. Eine Hampel-Kanzlerin.

Antonia von Romatowski ist besessen. Allerdings weniger von den abgebildeten Promi-Damen persönlich als vielmehr von deren Stimmlagen. Antonia von Romatowski ist Stimm-Imitatorin. Spezialität: Angela Merkel. Fünf deutsche Radiosender (von März an auch ffn, in Hamburg über Antnenne 100,6 Mhz und Kabel 99,35 Mhz) spielen ihre “Merkel Morning Show”, jeden Tag ein brandaktuelles Stück. Die gelungensten sind als CD (“Die Merkel Morning Show Vol. 1” bei “Edel-Records”) erhältlich.

“Ich fand schon immer toll, was der Elmar Brandt mit seiner Kanzlerstimme gemacht hat”, erzählt von Romatowski. “Und ich wollte unbedingt auch Radio-Comedy machen und hab’ micr überlegt, welche Figur für mich die richtige sein könnte. Irgendwie kam ich dann auf die Merkel.” Sie gründete “eine Merkel-Ich-AG”, als das Vorbild noch lange nicht Kanzlerin war. “Ich hab’ aber nie daran gezweifelt, dass sie es wird”, behauptet von Romatowski.

Sie guckte Fernsehen, hörte Radio und begann, sich intensiv in die Stimme einzuarbeiten. “Das Schwierigste sind die Betonungen. Sie betont manchmal so sinnlos, dass man sich fragt, Wo kommt das denn jetzt her?” Als Merkel ihr fest in den Stimmbändern saß, verschickte von Romatowski Demo-Tapes an Radiosender und erhielt erste Aufträge. Bis einer fragte: “Kannst du auch Doris?” und das Spiel von vorn losging. Inzwischen hat von Romatowski auch Desirée Nick, Dolly Buster, Ulla Schmidt und Nena im Repertoire. neben anderen. In dem von der Hamburger “Trickompany” koproduzierten Dieter-Bohlen-Trickfilm spricht sie sowohl Verona als auch Naddel, für eine Radioshow hat sie mit der echten naddel telefoniert – als Naddel. “Die hat das überhaupt nicht geblickt!” erzählt von Romatowski und grinst.

Angela Merkel aber, die von Romatowski auch in der Sat.1-Comedyshow “Talk im Tudio” verkörperte, war und ist ihr noch immer am nächsten: “Zu der hab’ ich einfach einen Zugang”, sagt die hübsche Hamburgerin, “die versteh’ ich irgendwie.” Auch wenn der Preis dafür anfangs Muskelkater in den heruntergezogenen Mundwinkeln war.

“Ich denke, mein Talent besteht darin, die größte Eigenschaft, die einen Menschen ausmacht, herauszufiltern”, überlegt von Romatowski. “Das hat ja manchmal auch etwas Bösartiges, so einen Röntgenblick zu haben. Aber ich kann das gar nicht abschalten.” Im Hintergrund flimmert bestätigend der Merkel-Bildschirmschoner.

Wie nah sie der Kanzlerin politisch ist, mag Antonia von Romatowski nicht verraten: “Ich sag’ dazu nur soviel: Sie hat Arbeitsplätze versprochen. Mir hat sie einen gegeben.”