Nockherberg: Singspiel voller Slapstick und Knalleffekte

Münchner Merkur, von Johan­nes Löhr

An die kreativen Grenzen gegangen

Auf dem Nockherberg 2014
Die Groko auf dem Nockherberg: Angela Merkel (Antonia von Romatowski), Horst Seehofer (Christoph Zrenner) und Sigmar Gabriel (Thomas Wenke). © dpa

Goethes Faust am Nockherberg? Funktioniert prima. Besser noch: Mehr Kreativität geht kaum im Singspiel. In einer schillernden und dampfenden Groteske will Horst Seehofer den Klassiker ganz alleine aufführen – als Abschiedsgeschenk an Christian Ude.

Klar, Goethe, Faust. Der dunkelste Sud aus der Hexenkuchl deutscher Literatur. Ein schwerer Brocken – aber eben doch nicht so schwer, dass Horst Seehofer das Stück nicht im Alleingang stemmen könnte. Mehr noch: Es muss doch die Frage erlaubt sein, ob man als Alleinherrscher der Bayern nicht das Recht hat, das Drama ein wenig umzuschreiben. Überhaupt, dieser Goethe, was war der schon? „Ein Hesse, der freiwillig in den Osten geht: Das ist doch kein Vorbild für die Bayerische Jugend.“

So spricht Horst Seehofer (Christoph Zrenner), und die Politiker im Nockherberg-Festsaal klopfen sich auf die Schenkel. Sollte jemand geglaubt haben, dass der Faust als Stoff fürs Singspiel der Salvatorprobe zu abgedroschen sein könnte, so weiß er spätestens jetzt: Grau ist alle Theorie. In der Praxis ist Autor Thomas Lienenlüke und Regisseur Marcus H. Rosenmüller eine schillernde, dampfende und durchaus anspruchsvolle Groteske geglückt, mit einem abermals famosen Ensemble und einer Musik, die so gut ist – man möchte fast glauben, die Komponisten hätten dafür dem Teufel ihre Seele verkauft.

“Ich spiele seit 30 Jahren dem Wähler was vor, da werde ich die Stunde auch noch hinkriegen”

Die Geschichte ist schnell erzählt: Seehofer platzt in die Faust-Aufführung einer Theatergruppe – dem Akzent der Darsteller nach zu urteilen vermutlich Rumänen. Armutsflüchtlinge halt (die bauen die Bühne selber auf und die wischen nachher auch noch feucht durch). Sein Fazit: Das kann der Ober-Bayer besser, und noch dazu alleine. „Ich spiele seit 30 Jahren dem Wähler was vor, da werde ich die Stunde auch noch hinkriegen.“ Seehofers Plan: Christian Ude zum Abschied aus dem Münchner Oberbürgermeister-Amt den Faust geben – nur in leicht veränderter Form: Goethes „Horst“. „Da kann ich der Welt einmal zeigen, dass ich auch ein Meister der leisen und poetischen Töne bin.“

Natürlich bleibt er dabei nicht allein. Sein serviles Anhängsel Markus Söder (auftrumpfend wie immer: Stephan Zinner) will auch mitmachen: „Ich spiel auch an Budel, wenn’s sein muss an Bitbull-Budel“, ruft der Franke. Dann ist da noch Ilse Aigner (Angela Ascher amüsiert als hormonell überhitzte Energieministerin). Sie strebt nach Höherem – und ist tief beleidigt, dass Seehofer sogar das Gretchen selbst mimen will: „Ich verlieb’ mich in mich – passt scho“, findet er. „Die Ilse war in den letzten Monaten nicht ganz textsicher.“

Merkel taucht in der Mülltonne auf – und diktiert ihrem Mann die Einkaufsliste via NSA

Auch Ude (Uli Bauer) kreuzt auf. Er hat den schüchternen Buben Florian Pronold (Stefan Murr) im Schlepptau, denn er will den Bayern-SPD-Chef zu einem charismatischen Politiker machen. Was gar nicht so einfach ist – Ude selbst übersieht das blasse Bürscherl mit der Brille immer wieder. Dafür hält er sich natürlich für den besseren Faust („ich bin seit Jahrzehnten verzweifelter Privatgelehrter“), würde aber auch den Mephisto geben: „Ich denke, dass ich helfen kann – mein Name ist Mephistian.“

Nockherberg 2014, Foto Münchner Merkur
© dpa

Und sogar die Koalitionäre Angela Merkel (Antonia von Romatowski) und Sigmar Gabriel (Thomas Wenke) schauen vorbei – versteckt in Mülltonnen, um an das Geheimnis von Seehofers Beliebtheit in Bayern zu kommen. Zwischendurch telefoniert die Kanzlerin noch mit Obama und gibt ihrem Mann dabei die Einkaufsliste fürs Essen durch – die NSA hört ja mit, der Bundesnachrichtendienst wird informiert und gibt’s weiter.

Nockherberg: Atmosphäre beim Singspiel statt billige Gags

Das war’s auch schon in Sachen Story. Lienenlüke und Rosenmüller erliegen nicht der Versuchung, allzu tief in die Original-Geschichte einzusteigen – oder sich gar bei den vielen geflügelten Worten zu bedienen. Es ist wahr, die große Menschheitstragödie über Machtgier und Sehnsucht nach Grenzenlosigkeit eignet sich bestens dafür, Bayerische Politik zu beschreiben: „Es irrt der Mensch, so lang er strebt“ oder „Die Botschaft hör’ ich wohl, allein mir fehlt der Glaube“ liegen da nahe. Aber das wären billige Gags.

Stattdessen setzen Autor und Regisseur auf Atmosphäre, und das gelingt ihnen hervorragend. Das Bühnenbild zeigt beinharte Provinz-Tristesse: Ein mit Eternit-Schindeln und Glasbausteinen verunziertes Haus neben einer öden Bushaltestelle und einer Straße, die sich im Nirgendwo der Hügel verliert. Abgefetzte Plakate erinnern an die vergangene Münchner Kommunalwahl. Das Haus lässt sich allerdings öffnen, die Band sitzt darin – und die hat heuer eine besondere Bedeutung.

Brüller des Abends: Merkel und Gabriel im Singspiel-Duett

Diesmal sind auch Streicher und Opernsänger mit dabei, um für erhabenen Sound zu sorgen. Außerdem haben Gerd Baumann und Sänger Sebastian Horn Songs im Gepäck, die genauso treffend sind, wie sie unter die Haut gehen. Am Anfang schreiben sie Seehofer Fredl Fesls „Erzherzog-Johann-Jodler“ auf den Leib: „Geboren wirst allein, gestorben wirst allein, Regieren ist am schönsten – und am besten ganz allein.“ Und sie schenken dem großartigen Uli Bauer ein Ude-Abschiedslied, das zu Tränen rührt – den OB aber trotzdem satirisch aufs Korn nimmt: „Der Vorhang ist noch lange nicht gefallen, ein Ende ist noch lange nicht in Sicht“, so tragisch uneinsichtig zeigt sich der Singspiel-Ude – und regelrecht beleidigt davon, dass man ihn nicht mehr OB sein lässt: „München, Du wolltest es nicht anders. Ich bewerb’ mich ganz allein für Olympia. Und dann, München, dann kannst Du mich mal – auf Mykonos besuchen.“ Der Brüller des Abends sind freilich Merkel und Gabriel im Duett: „Wir wären auch so gern hinterwäldlerisch-modern. Aber nein: Wir müssen evangelisch sein!“

Nockherberg: Singspiel-Team ist an die kreative Grenze gegangen

Nockherberg 2014 Hofreiter Parodie
Haariger Engel mit Harfe: Anton Hofreiter im Singspiel

Manchmal scheint’s, als hätten die Macher vor lauter guten Slapstick-Einfällen und Knalleffekten nicht mehr gewusst, wohin. Da werden dem Söder magische Kräfte verliehen – er zaubert Grünen-Fraktionschef Toni Hofreiter (Wowo Habdank) als Engerl und die Bavaria (Luise Kinseher) im Schlafrock auf die Bühne. Florian Pronold verkauft dem Teufel doch noch seine Seele und wird zum Polit-Entertainer – Stefan Murr, das Multitalent des Nockherbergs, darf als Steptänzer und Sänger zeigen, was er drauf hat. Und Vollblut-Komödiant Christoph Zrenner ist als Seehofer mehr als nur ein guter Ersatz für Wolfgang Krebs.

Fazit: Das gesamte Singspiel-Team ist am Mittwoch an die kreative Grenze dessen gegangen, was am Nockherberg möglich ist. Es ist zu hoffen, dass noch viele Abende in dieser Besetzung folgen. Und Rosenmüller wäre nicht er selbst, wenn er die Politiker auf der Bühne zum mystisch-turbulenten Schluss nicht noch alle von kleinen Teufeln besessen zeigen würde. Das müssen die echten Politiker im Saal aushalten – sie tun es jubelnd.

Höhepunkte des Singspiels am Nockherberg

Horst Seehofer: Habe nun ach, Juristerei und Medizin, durchaus studiert . . . Markus Söder: Chef, ich hab’ ja gar nicht gewusst, dass Du studiert hast. Seehofer: Ich habe die bayerische Mittlere Reife, das ist vom Niveau gleichzusetzen mit einem Doktortitel aus Prag.

Söder: Den Faust? Zum Abschied vom Ude? Wollen wir nicht lieber einen kleinen Festakt machen, in der Staatskanzlei? Seehofer: Zu teuer. Söder: Dann vielleicht weiter draußen? In Schliersee soll man noch sehr günstig feiern können . . .

Christian Ude: Sie hatten mir in der Einladung die Hauptrolle versprochen! Seehofer: Natürlich. Die hab ich jedem in der Einladung versprochen, sonst wär’s ja keine Demokratie in Bayern, wenn ich nicht jedem dasselbe verspreche.

Seehofer: Wer ist denn der Kerl da in Ihrem Anhang? Ude: Den habe ich als Lehrling mitgebracht. Das ist die große Hoffnung der SPD, der, äh, der Ding . . . Florian Pronold: (flüstert ihm zu) Ude: Ah ja, Florian Pronold! Seehofer: Pronold, Pronold . . . da hab ich jetzt gar kein Gesicht dazu. Ude : Genau, das isser. Der erste gläserne Abgeordnete der bayrischen SPD.

Seehofer: Wir, Horst Seehofer, haben den Faust aus Zeitgründen ein wenig gekürzt. Alles in einer Szene: Faust, Gretchen, Mephisto erscheint, Seele weg, Faust kriegt Gretchen – passt scho. Ich habe meine großen Erfolge immer mit Vereinfachung errungen.

Seehofer: Moment! Ich richte mich nach niemandem, ich bin der beliebteste Politiker in ganz Bayern! Söder: Wer sagt des? Ilse Aigner: Der ADAC.

Söder: Habe nun ach, habe nun ach / mit all den Deppen aus Restdeutschland Krach / Wie der Piranha im Karpfenteich, / frisst mich der Finanzausgleich.

Söder: Schönes Fräulein, darf ich’s wagen, mein Geleit Euch anzutragen? Aigner: Bin zwar ein Fräulein und auch wunderschön, doch werd’ allein zur Spitze geh’n . . .

Sigmar Gabriel: Was war denn das mit der ganzen beschäftigten Verwandtschaft in der CSU? Angela Merkel: Das werden Sie als Sozialist nicht begreifen, aber wir sind Christen. Wir sind alle Kinder Gottes. Er ist unser aller Vater – wir können nur Verwandte beschäftigen.

Aigner: Ja, darf man nicht einmal seine eigene Meinung haben? Seehofer: Klar, aber Du könntest mich vorher schon fragen, wie die aussieht.

Seehofer: Wir haben hier eine Theaterprobe. Wir wollen das erhabenste, aber auch verwirrendste und rätselhafteste Werk spielen, das die deutsche Sprache je hervorgebracht hat. Gabriel: Ach, den Koalitionsvertrag?