Verteufelt gut

Süddeutsche Zeitung, von Wolfgang Görl

Nockherberg 2014 Singspiel

Marcus H. Rosenmüller und Thomas Lienenlüke greifen beim Singspiel auf dem Nockherberg auf Goethes Faust zurück. Ein Wagnis, das auf ganzer Linie gelingt. Aus der einstigen Nummernrevue wird so großes Theater. Das Ensemble dankt es mit ungebremster Spielfreude – und das Publikum mit Bravo-Rufen.

Der Applaus mündete in rhythmisches Klatschen, Jubelrufe und Bravos hallten durch den Festsaal, und als sich Regisseur Marcus H. Rosenmüller und Autor Thomas Lienenlüke auf der Bühne verbeugten, schwoll der Beifall nochmals an. Selbst altgediente Nockherberg-Stammgäste konnten sich nicht erinnern, nach dem Singspiel jemals Ovationen solchen Ausmaßes erlebt zu haben. Rosenmüller und Lienenlüke haben der sogenannten Salvatorgemeinde einen Abend beschert, der weitaus mehr bot als das gewohnte Politiker-Derblecken zu gehaltvollem Bier. Es war, so viel Pathos muss sein, großes Theater.

Dabei ist es ja nicht so, als wären die Singspiele früherer Zeiten stets nur das mittelprächtige Beiwerk zur Salvatorrede gewesen. Im Gegenteil: in den späten 1990er Jahren bis 2009, als Eva Demmelhuber das Singspiel leitete, gab es höchst amüsante und witzige Aufführungen, in denen einzelne Politiker gelegenlich derart heftig veralbert wurden, dass es ihnen sichtbar schwer fiel, so lustig zu bleiben, wie es auf dem Nockherberg Pflicht ist. Bis heute kann man kaum an Edmund Stoiber denken, ohne dass einem Michael Lerchenberg einfiele, der 22 Jahre lang den ehemaligen Ministerpräsidenten in seiner ganzen Kraft und Selbstherrlichkeit beim Salvatoranstich parodiert hatte. Und der noch immer tätige Ude-Darsteller Uli Bauer erlangte ein Perfektion, die ihn in die Lage versetzen würde, unbemerkt das Original bei einer Bürgerversammlung zu vertreten. Das war schon großartig, und doch waren diese Singspiele nicht viel mehr als eine satirische Nummernrevue, die nur mühsam durch eine wacklig konstruierte Rahmenhandlung zusammengehalten wurde.

Lienenlüke balanciert zwischen subtilem Humor und derbem Witz, ohne zu straucheln

Rosenmüller und Lienenlüke sind noch einen wesentlichen Schritt weitergegangen. Sie haben ein Stück mit einer gar nicht so unkomplizierten Handlung auf die Bühne gestellt, dabei haben sie es gewagt, den Klassiker schlechthin, Goethes “Faust”, als Stoff zu nehmen, mit dem sie ihr fulminantes Spiel treiben. Das kann leicht schiefgehen, wenn Mittelmäßige am Werk sind. Lienenlüke aber ist ein Könner, er kann sich erlauben, zwischen subtilem Humor und derbem Witz zu balancieren, ohne ins Straucheln zu geraten. Und Marcus H. Rosenmüller ist offensichtlich in faustischer Manier mit dem Teufel im Bunde. Oder woher nimmt er sonst die hinreißenden Regieeinfälle, von wo kommt die Energie, mit der er sein Ensemble zur ungebremsten Spielfreude animiert?

“Fast Faust” heißt das Stück. Vor einem trostlosen Haus, auf dessen Eternit-Fassade verschlissene Münchner Wahlplakate hängen, proben fremdländische Billigkräfte den “Faust”. Seehofer funkt dazwischen und stellt den Regisseur ob “dieses Schmarrns” zur Rede. Der Regisseur rechtfertigt sich: “Wir mussten in diesem Jahr Rumänen und Bulgaren nehmen, die bekommst seit Jahresanfang stinkebillig. Die bauen die Bühne selber auf und wischen am Schluss noch feucht durch.” Peng. Das sitzt! So zynisch geht man hierzulande mit südosteuropäischen Armutsflüchtlingen um. Sogleich schaltet sich ein bayerischer Straßenkehrer ein: “Und uns nimmt das Gschwerl die Arbeitsplätze weg.” Darauf Seehofer: “Das hab jetzt nicht ich gesagt.” Und jedem im Publikum schwirrt durch den Sinn: Er hätte es aber sagen können. Genau so funktioniert gute Satire: Mit subtilem Witz einen Missstand beleuchten, anstatt dumpf mit dem Holzhammer draufzuhauen.

Seehofer wäre nicht Seehofer, würde er nun nicht selbst die Regie übernehmen und auch gleich sämtliche Hauptrollen für sich reklamieren. Dummerweise kommen ihm die anderen in die Quere, der kriecherische Söder, der selbstverliebte Ude, die heißblütige Ilse Aigner, und aus der Mülltonne kriechen auch noch Kanzlerin Merkel und Sigmar Gabriel. Aus ihrem eifrigen Bemühen, den “Faust” zu proben und die besten Rollen zu ergattern, entspinnt sich eine herrliche Posse, die den Schauspielern alle Möglichkeiten der Entfaltung bietet. Antonia von Romatowski, die zum ersten mal auf der Salvatorbühne steht, gibt eine Angela Merkel, die vom Original kaum zu unterscheiden ist. Christoph Zrenner wiederum widersteht der naheliegenden Versuchung, Horst Seehofers Gesten und Sprechweise parodistisch zu übertreiben. Sein Seehofer ist alles andere als eindimensional. Da gibt es auch leise Momente, kurze prägnante Dialoge, in denen Zrenner hohe Schauspielkunst zelebriert. Und Stephan Zinner (Söder), Uli Bauer (Ude), Stefan Murr (Pronold) oder Angela Ascher (Aigner) zu loben ist schon fast trivial. Sie sind schlichtweg großartig.

Tatsächlich kommen die Politiker, mit Ausnahme des bedauernswerten Genossen Pronold, in Rosenmüllers Singspiel ganz gut davon. Bislang lebte das Derblecken auf dem Nockherberg nicht zuletzt von der Schadenfreude, die sich bei den Freibiertrinkern im Saal breitmachte, wenn einer der ihren durch den Kakao gezogen wurde. Gewiss bot Rosenmüllers “Fast Faust” auch dafür manchen Anlass. Der eigentliche Charme des Stücks ist jedoch, das hier mit Witz und Esprit eine Geschichte erzählt wird, die über tagespolitische Aktualitäten hinaus geht. So ehrgeizig und kleinmütig, so ruhmsüchtig und hinterfotzig sind nicht nur Politiker – so sind auch die Menschen.

Für den Salvatorredner, der auf seinen Text und seine Redekunst vertrauen muss ist es schwierig

Und dann gibt es ja noch die Liebe und den Tod.  Wie hinreißend ist doch das brünstige Geturtel zwischen Aigner und Seehofer, untermalt von lyrischen Streicherklängen, mit denen der nicht genug zu lobende Komponist Gerd Baumann Gefühle hörbar macht – und in diesem Moment höchster Erregung platzt Mephisto herein und singt vom Tod: “Amoi kimmt de Dog, an dem olle woanna. Amoi kommt de Frog, sog, is des scho gwen.” Das ist nicht mehr Singspiel, das ist Schauspiel – ein großartiges noch dazu.

Für den Salvatorredner, der ganz auf seinen Text und seine Redekunst vertrauen muss, ist es schwierig, da mithalten zu können. Luise Kinseher alias “Mama Bavaria” hat einen braven Vortrag gehalten, aber auch nach vier Nockherberg-Auftritten mangelt es ihr noch immer an der nötigen Bosheit, um die Politiker wirklich schmerzhaft zu treffen. Vielleicht ist die Figur einer mütterlichen Mahnerin schlichtweg ungeeignet, ausreichend Pointen zu setzen. Es wäre sehr schade.